Petrus Christus – Portrait einer jungen Frau

Ca. 1470, Tempera und Öl auf Holz, 29 x 22,5 cm, Berlin, Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin

Vom ersten Moment an dieses Bild seinen Betrachter gefangen. Oder sollte ich besser sagen, mich gefangen! Der Titel des Porträts Bildnis einer jungen Frau wirkt ein wenig irritierend, sieht man dieses so zart gezeichnete Gesicht und die schmalen Schultern. In meiner Wahrnehmung ist es ein Mädchen von gerade mal 11 oder 13 Jahren. Wer auch immer dieses Modell war ist nicht überliefert. Vielleicht, so wird vermutet, hat der Künstler das Bild seiner Zeit auf dem Rahmen signiert und auch den Namen der Schönen dort vermerkt. Jedoch hat sich der Rahmen, der im 19. Jahrhundert noch vorhanden war, nicht erhalten.

Das Porträt wird dem Künstler Petrus Christus zugeordnet. Ähnlich wie die Gemälde seines Kollegen Jan van Eyck ist dieses Bild so virtuos und akribisch gemalt, dass, so vermutete man, Petrus Christus einst ein Schüler Jan van Eycks in Brügge war.

Es ist schwer zu sagen was die Spannung dieses Portraits ausmacht. Stille, Klarheit, Ernsthaftigkeit und Reinheit fallen mir ein. Das Bild ist ein Kopf/Schulter Portrait auf dem das Mädchen ganz leicht seitlich abgebildet ist. Es trägt einen hohen schwarzen Hut/Haube der/die mit einer goldenen Brokatlitze am Rand besetzt ist und gerade noch sichtbar den rötlich schimmernden Haaransatz erkennen lässt. Der Hut wird gehalten von einem dünnen schwarzen Tuch, das unter dem Kind hergeschlungen ist und so das milchweiße makellose Gesicht wunderbar umrahmt. Um den Hals liegt ein kostbares dreireihiges Geschmeide und über einem schwarzen Mieder trägt sie einen blauen, mit einem schmalen weißen Pelzkragen besetzten Mantel. Das alles ist von großer Schlichtheit und würde. Im Gesicht des Mädchens halten einen die Augen im Bann. Bei einem Versuch ihren Blick einzufangen, bin ich gescheitert. Sie sieht, ganz fein, ein wenig aus den Augenwinkeln am Betrachter vorbei. Die mandelförmigen Augen unter breiten Liedern und hohen Brauenbögen scheinen nackt und ebenso wenig bewimpert, wie sie auch warzunehmende blasse Augenbrauen hat. Die Nase gerade und ohne Makel, die blassen Lippen umspielt kein Lächeln, keine Laune oder Stimmung drückt sich aus in diesem edlen Gericht mit den hohen Wangen. Sie wirkt in sich gekehrt. Die sparsame, zurückgenommene Farbgebung in diesem Porträt finden sich am tintenfarbenen Mantel, in den zartrosa getönten Konturen ihres Gesichtes, dem rötlichen Haaransatz und gerade noch ein Hauch von blassem rosa auf den feinen Lippen und den Wangen. Bei aller Zurückgenommenheit in Haltung, Ausdruck und Farbigkeit fällt jedoch ihr linkes Ohr auf. In einem warmen Hautton im Schatten liegend und ein wenig verdeckt scheint es eine Verbundenheit zu haben mit der Umgebung. Die Augenlider leicht gesenkt, die Lippen still geschlossen, aber das Ohr mit der schönen geschwungenen Muschel, es ist, als würde es lauschen… Das Unwirkliche dieses Gesichts, dieser Gestalt, wird wie ein erlesenes Schmuckstück auf dunklem Samt, durch den dunklen sie umgebenden Raum hervorgehoben und noch kostbarer präsentiert.

 

Dieses große Bild, dessen unwiderstehlicher Charme und geheimnisvolle Distanz Leonardo da Vincis Mona Lisa in nichts nachsteht, misst gerade einmal 28 cm in der Höhe.