Michael Taylor – Renata Symonds

2004, Öl auf Leinwand, 71 x 54 cm, Großbritannien – Sussex

In der Folge meiner Bildbesprechungen habe ich mich nach Portraits von Gustave Courbet und Christian Schad, diesmal für das Bild eines zeitgenössischen Künstlers entschieden. Michael Taylor. Das erste Mal, dass mir seine Bilder auffielen war, als ich die Teilnahmebedingungen für den jährlich stattfindenden Wettbewerb der “Royal Society of Portrait Painters” und mir natürlich auch die vorherigen Preisgewinner angesehen habe! Was für ein Forum für wirklich viele außergewöhnliche Portraitkünstler. Dabei stieß ich unter anderem auf Michael Taylor, dessen Arbeiten ich sofort faszinierend fand. Ich habe mir für diese Folge das Porträt von Renata Symonds, gemalt 2004, ausgewählt. Renata Symonds, eine Jungsche Psychotherapeutin, erinnerte mich an meine Großmutter, ihres Zeichens eine Freudsche Psychoanalytikerin. Beide wurden sie 93 Jahre alt und hatten ein reiches, lebendiges und kontroverses Leben geführt.

Was mir an Renata Symonds Bild sofort ins Auge springt, ist ihr Blick und die an den Fingerspitzen sich fein berührenden Hände, die sie vor sich gefaltet hält. Es ist ein Brustportrait. Raumfüllend und von großer Präsenz ist das Modell im Format platziert. Hinter ihr sieht man die Rückenlehne eines gestreiften Sofas und dahinter in einer Ecke ein Bücherregal. An der anderen Wand ein Fenster, durch das der Blick auf einen frühlingshaften Garten fällt. Licht fällt von links auf ihr vom Alter gezeichnetes Gesicht. Es ist ein feines, kluges Gesicht, durchfurcht von Falten und die Haut gesprenkelt von Altersflecken. Die große Zartheit und Transparenz der Hand ist Michael Taylor ebenso gekonnt gelungen zu malen, wie auch der intensive Blick der lebhaften Augen. Ich habe das Gefühl im Gespräch zu sein mit Renata Symonds, so aufmerksam sieht sie mich an. Ich würde es als ein “aktives Portrait” bezeichnen. Das Modell ist nicht statuarisch eingefroren, in keiner eleganten Pose, sondern sie ist so lebhaft in ihrem privaten Raum dargestellt, dass man glaubt ihr gegenüber zu sitzen.

Ich liebe an Michael Taylors Bildern die Sorgfalt, die er auf den die Modelle umgebenden Raum verwendet. Er erzeugt damit eine ergänzende vielgestaltige Geschichte, wie die Fassung um einen kostbaren Stein. Das verleiht seinen Bildern zusätzlich Spannung und Dynamik.

Vor allem schätze ich an seiner realistischen Malerei, dass er sein Metier absolut beherrscht und, dass er vermag mit seinem Handwerk über die bloße Präsentation einer Person etwas Tieferliegendes und Weitergehendes zu formulieren. Er hat eine unverwechselbare Bildsprache entwickelt, die ihn mit Recht zu einem langjährigen Mitglied der “Royal Society of Portrait Painters” macht.