Der vierjährige Manuel – Francisco de Goya

Don Manuel portraitiert von Francisco de Goya, 1787–88, Öl auf Leinwand, 127 x 101,6 cm

Wie schaut ein fünfjähriges Kind auf das weltbekannte Gemälde des kleinen Manuel, der im Alter zwischen drei und vier Jahren von Francisco de Goya portraitiert wurde?

Meine Eltern hingen einen Druck genau jenes, auch als das gewinnendste und erfolgreichste jemals gemalte Kinderportrait bekannt, Bildes in mein Zimmer mit dem Resultat, dass ich mich als vier- oder fünfjährige beim Betrachten verloren und erschrocken fühlte. Ich verstand es nicht. Vielleicht verstand ja auch Manuel, mit seinem zarten puppenhaften Gesichtchen nicht genau, warum er dort stand.

Natürlich ist da dieser magisch anziehende rote Anzug, in dem Manuel Osorio Manrique de Zúñiga, Sohn von Graf und Gräfin Altamira, in vollendet aristokratischer Haltung steckt, durchaus würdevoll und anmutig aber auch auf unkindliche Weise erstarrt.

Das leuchtende Rot, die prachtvolle, kostbare Spitze von Kragen und Schärpe, die drei Katzen, die Vögel, das muss einem Kind im selben Alter doch gefallen, mögen sie sich gedacht haben?

Aber nein, ich konnte zu diesem Bildnis über meinem Bett keinen Zugang finden. Ich sah, oder vielleicht spürte eher, das Düstere, das Gefangene was im Entstehungsjahr des Bildes 1787 durchaus Gesellschaft, Politik, Religion und Kunst durchzog. Denn noch lag der dunkle Schatten der Inquisition über Spanien. (Und so musste auch Francsico de Goya, der in liberalen Verhältnissen lebte, 1824 das Land verlassen. Er starb 1828 in Bordeaux.)

Die als Spielzeug dienende Elster an der Schnur, die drei angespannten Katzen, die Vögel im Käfig umgeben den Jungen. Die Tiere können als Symbol des Gefangenenseins, Unheils und Unvorhersehbaren gedeutet werden, vor dem auch Status und Pracht das unschuldige Kind nicht schützen. Manuel starb nur vier Jahre später.

Natürlich ging es den Eltern darum, das Kind, wie auch Manuels Schwestern, die Goya ebenfalls portraitierte, dem adeligen Stand entsprechend abbilden zu lassen. Aber wie mag der 41jährige Goya mit dem kleinen Manuel in Kontakt getreten sein? Ihn zu dem stundenlangen Modellstehen angespornt und bewegt haben?

Die Begegnung zwischen Maler und Model fließt in das Portrait ein. Der Porträtist versenkt sich ja geradezu in das Wesen des Models, sucht nach den persönlichen Eigenheiten, um dem Portrait Tiefe und Spannung einzuhauchen.
Wir Betrachter erleben das spontane Wiedererkennen und dringen dann über das Verweilen und Schauen zu den tieferen Schichten der Persönlichkeit des Bildes vor.
So beschreibt Simone Bingemer „Mit jedem Strich nähere ich mich dem an, was ich im Wesentlichen ausdrücken will, was ich im persönlichen Kontakt mit meinen Auftraggebern gespürt habe.“
Es scheint etwas wie distanzierte Intimität benötigt zu werden, so dass ein starkes Portrait entstehen kann.

Wenn ich heute das Gemälde einmal durch Zufall sehe, versetzt es mich unweigerlich in mein Kinderzimmer im Jahr 1965 zurück. Ich habe nie so ganz verstanden, ob meine Eltern bei der Wahl dieses Bildes mir oder eher sich selbst einen Wunsch erfüllt haben.

Das Original des schönen Kindes Manuel Osorio Manrique de Zúñiga hängt in New York im Museum of Modern Art.
Ein würdiger Platz.

Gastbeitrag