MÄNNER UND FRAUEN

MÄNNER- UND FRAUENPORTRAITS

Über die Ähnlichkeit hinaus

Die Ähnlichseherei und Gleichmacherei sei das Merkmal schwacher Augen, schrieb Friedrich Nietzsche in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“. Simone Bingemer ist davon weit entfernt: Die Zeichnerin nimmt in ihren Männer- und Frauenportraits Mimik, Gestik, Körpersprache und vieles mehr mit untrüglicher Schärfe in den Blick und verdichtet alles zum Unikat einer faszinierenden Zusammenschau. So erweckt ihre beinahe rauschhafte Akkuratesse die Persönlichkeit gleichsam von innen heraus zum Leben. Überraschend im Ausdruck. Berührend in der Anmut. Und vielschichtig in der Botschaft.

Der Mensch als Rätsel

Die jahrhundertealte Geschichte der Portraitmalerei ist Simone Bingemer dabei immer gegenwärtig und gibt ihr ein großes Arsenal an Ausdrucksmöglichkeiten an die Hand. Es ist eine Geschichte, die in ihrer großen Zeit ab dem 13. Jahrhundert die formelhaften Darstellungen des Hochmittelalters hinter sich ließ, erstmals identifizierbare Physiognomien in sakrale, mythologische oder historische Sphären bettete und dann ab der Renaissance mehr und mehr die private Welt des Bürgertums eroberte.

Ab dieser Kulturepoche begann die Portraitkunst den Menschen als autonomes Individuum zu sehen. Künstler von Leonardo da Vinci über Rembrandt bis zu Max Liebermann waren in dieser Hinsicht zwar unbestechliche Beobachter und Chronisten ihrer Zeit; dennoch durchzieht ihr Werk auch Ambivalentes und Rätselhaftes. Das berühmteste Bespiel dafür ist da Vincis Mona Lisa, deren mehr verbergendes als enthüllendes Lächeln bis heute zahllose Interpretationen auslöst.

Zeitlose Zeichnungen

In dieser Tradition der Mehrdeutigkeit sieht sich auch Simone Bingemer, die für ihre Ideen aus einem großen kunsthistorischen Fundus schöpft. So entlehnt sie etwa aus dem Formenspiel der Renaissance mal einen besonderen Faltenwurf für den textilen Bildhintergrund, mal den Anschnitt eines Modells, mal die offene und weiche Art, in der jemand seinen Betrachter ansieht. All dies trägt dazu bei, dass man sich an Simone Bingemers Zeichnungen kaum sattsehen kann. An Bildern, die nicht einen bestimmten Moment einfrieren und ihn platt wiedergeben, sondern es vielmehr vermögen, durch einen Effet von subtiler Eleganz die Zeit aufzuheben.