KINDER

KINDERPORTRAITS:

Blick in die Zukunft

Wer Nachwuchs hat, dürfte das kennen: Kaum etwas führt einem das eigene Leben eindrücklicher vor Augen als jenes der Kinder, und oft versteht man es erst dann so richtig. Diese fesselnde Transzendenzerfahrung ist auch in den Kinderportraits von Simone Bingemer angelegt, weil sie den Wesenskern ihrer Modelle so weit als möglich freizulegen versteht.

Bilder jenseits der Kindheit

Dem entspricht eine oft gehörte Reaktion auf die Bildnisse von Kindern und Jugendlichen aus ihrem Atelier: Immer wieder melden sich Eltern Jahre nach dem Entstehungszeitpunkt eines Kinderportraits und berichten davon, dass sich die Dargestellten tatsächlich so entwickelt hätten, wie es bereits in den Gemälden zu erkennen oder zu ahnen war. Es ist genau diese profunde Qualität der Kinderportraits von Simone Bingemer, die Grenzen überschreiten und Rückblick und Vorschau aufs Leben zugleich bieten kann.

Anders als manche glauben, sind Kinderportraits nicht lediglich eine moderne Schwärmerei für die eigenen Sprösslinge, sondern ein Sujet mit jahrhundertealter, oft sehr praktisch orientierter Tradition: Da der Nachwuchs in Herrscherdynastien einst Gegenstand handfester Heiratspolitik war, wurden häufig die Portraits der künftigen Ehegatten zwischen den Höfen ausgetauscht. Oft kannten sich die jungen Hochzeitsleute nur von diesen Bildern. Und so ist es auch kein Wunder, dass die Porträtierten des 17. Jahrhunderts in der Regel übertrieben ernst und puppenhaft aus ihren Rahmen schauen.

Aus dem Kinderleben gezeichnet

Seit rund 200 Jahren ist dies völlig anders. So muss heute bei Simone Bingemer kein Kind stundenlang wie schockgefroren Modell sitzen. Auch das Herausputzen der Kleinen ist eher hinderlich für einen wahrhaftigen Blick auf die Persönlichkeit, die es bei Minderjährigen nicht weniger zu erfassen gilt als bei Erwachsenen. Die Zeichnerin begibt sich darum auch mit ihnen in einen lebendigen Austausch innerhalb ihrer Lebenswelt und schafft so Kinderportraits von unverwechselbarem Esprit – ein Esprit, der Jahre später oft sogar noch verblüffender ausfällt als bei der Übergabe des Bildes.