Gespräch mit der Kölner Portraitzeichnerin Simone Bingemer

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„Gute Portraitkunst ist ein sprechendes Geheimnis“

Gespräch mit Simone Bingemer über die Kraft des Ebenbilds

 

Im Internet kann man ein Portrait zeichnen lassen von verschiedenen Anbietern, die ausschließlich aufgrund eines Fotos arbeiten, das die Kunden auf deren Webseite hochladen. Eine gute Idee?

Wenn Sie ein Portrait mit einem ganz eigenen Zauber wollen, ein Portrait, das Sie täglich aufs Neue beschäftigt und berührt, dann halte ich das für gar keine gute Idee. So ein Gemälde braucht den intensiven Austausch zwischen Zeichner und Modell, sonst erzielen Sie in der Regel flache, eindimensionale Ergebnisse. Menschen haben so viele Eigenarten, Nuancen und Schwingungen, die Sie alle aufspüren und erfassen müssen, um deren Charakter im Bild bannen zu können. Und diese Dinge offenbaren sich nur im direkten Kontakt.

Gute Portraitmalerei setzt sich also aus Details zusammen, die mitunter gar nicht sichtbar sind. Was bedeutet das für die Ähnlichkeit von Modell und Bild? Ist sie keine Ähnlichkeit im fotografischen Sinn?

Ein Portrait zeichnen lassen: eine Frage der Interpretation

Streng genommen müssen ja auch Fotografen scheitern, die absolute Ähnlichkeit anstreben, weil Menschen sich unaufhörlich verändern. Morgens ist man ein anderer als abends oder am nächsten Tag. Dazu hat jeder seine ganz persönliche Wahrnehmung, was Objektivität in Gestaltungsdingen prinzipiell unmöglich macht. Die Ähnlichkeit ist insofern nie verbindlich, sondern liegt immer im Auge des Betrachters. Und wenn man das überhaupt als Not bezeichnen will, dann macht gerade die ambitionierte Portraitmalerei eine Tugend daraus, indem sie ganz bewusst auf die Interpretation ihres Gegenübers setzt. Sagen wir es ganz frech mit Oscar Wilde: „Jedes Portrait, das mit Anteilnahme geschaffen wurde, ist das Portrait des Malers, nicht des Modells.“ Wer sich von mir ein Portrait zeichnen lassen will, muss also wissen, dass er meine persönliche Sicht bekommt. Das heißt aber nicht, dass er oder sie sich im Bildnis nicht wiedererkennen würde. Ganz im Gegenteil, wie mir meine Kunden seit Jahrzehnten versichern.

Was macht Ihre Gabe aus, die Schattierungen von Menschen wahrzunehmen? Woher kommt sie?

Um Feinheiten herauszudestillieren, muss ich als Portraitzeichnerin im Kontakt mit meinen Auftraggebern zunächst zwei Dinge beherzigen, die sich auf den ersten Blick auszuschließen scheinen: Ich muss hochkonzentriert und gleichzeitig locker sein. Das ist kniffelig, geht aber nicht anders. Denn erst dann gewährt die Begegnung Einsicht in das, was mich interessiert. Eine gewisse Eignung dafür könnte von meiner Großmutter stammen, die Psychoanalytikerin war.

Ihr Großvater muss auch eine Rolle gespielt haben. Georg Meistermann war ein berühmter Maler, Zeichner und Grafiker, der in der Kunst des 20. Jahrhunderts als weltweit herausragender Glasmaler gilt…

… und der als Professor an der Frankfurter Städelschule, an der Akademie für Bildende Künste in München und an der Kunstakademie Düsseldorf lehrte. Von ihm habe ich vielleicht das Talent, auf jeden Fall aber mehrere Pastellkästen geerbt, die meine Leidenschaft für den Beruf der Portraitzeichnerin erst so richtig entzündeten. Dass mein Vater ebenso Künstler war, hat auch nicht geschadet …

Passion für Details. Portraitkunst für Generationen.

Hat sich Ihr Malstil aus der Künstlerfamilie heraus entwickelt?

Eher aus meiner eigenen Biographie. Wenn Sie sich meine Portraitkunst ansehen, werden Sie beispielsweise feststellen, dass ihr eine bestimmte Statik eigen ist, dass alle Modelle in meinen Bildern so etwas wie „ihren Auftritt“ bekommen. Diesen Hang zur eleganten Pose verorte ich in meiner Theaterausbildung beim berühmten Tanzregisseur und Choreograf John Cranko am Stuttgarter Ballett, das zu den international führenden Ballettensembles zählt. Die ganz von Körperbeherrschung, physischem Ausdrucksvermögen und Bühnenerfahrung geprägten Jahre sind sicher eingeflossen in meine Arbeit.

Doch Ihre zeichnerische Begabung setzte sich letztlich durch. Als jüngste Studentin fanden Sie Aufnahme an der Kölner Werkkunstschule. Was haben Sie von dort mitgenommen?

Das Handwerk und die Präzision, tiefe Einblicke in die jahrhundertealte Tradition der Portraitmalerei und nicht zuletzt die Detailversessenheit, mit der ich arbeite und die in meinen Bildern zum Tragen kommt. Eigentlich hätte ich auch Wissenschaftlerin werden können mit diesem unnachgiebigen Genauigkeitsdrang.

Was bedeutet er für Ihre Arbeit?

Penible Portraitmalerei. Gelingende Gemälde.

Er führt mir gewissermaßen die Hand, lässt mich beim Zeichnen Entdeckungen machen, etwas über meine Modelle erfahren. Mit jedem Strich nähere ich mich dem an, was ich im Wesentlichen ausdrücken will, was ich im persönlichen Kontakt mit meinen Auftraggebern gespürt habe. Bei dieser akribischen Art der Portraitmalerei geht es um Bruchteile von Millimetern. Schon kleinste Unterschiede in der Linienführung oder in der Färbung entscheiden übers Gelingen und Misslingen, bestimmen darüber, ob sich ein Bild trägt oder nicht.

Und wenn es gelingt, entsteht Kunst?

Kunst ist ein großes Wort. Darüber sollen andere entscheiden. Wer sich von mir ein Portrait zeichnen lässt, bekommt auf jeden Fall mein handwerkliches Können, meine Leidenschaft für die Sache und nicht zuletzt meine Liebe für dieses schillernde Spannungsverhältnis zwischen der Individualität des porträtierten Menschen und meiner Sicht auf ihn.

Und diese Spannung erzeugt den Zauber, von dem Sie eingangs sprachen?

Genauso ist es. Auf diese Weise oszilliert zwischen dem Betrachter und dem Portrait ein Geheimnis. Es ist ein Geheimnis, das sich immer wieder aufs Neue einstellt und zu einem spricht, obwohl es nicht in Worte gekleidet werden kann. Und wer das dann Kunst nennen möchte, soll es tun.